Wie der Blues über Herrn Delbrügge kam.

Was macht ein pubertierender Teenager im Jahr 1973 mit vielen Pickeln und wenig Glauben an sich selbst? Grundsätzlich gibt es da zwei Möglichkeiten:

1. Er erobert die Klassenschönste.
(Junge, träum weiter…)

2. Er hört spät nachts zum ersten Mal auf BFBS »Led Zeppelin«. So geschehen in Minden, dem beschaulichen Ort meiner hoffnungsfrohen Jugend.

In Minden waren Teile der britischen Rheinarmee stationiert, hier wurden Soldaten für ihren Einsatz in Nordirland trainiert. Das waren harte Jungs, und ihre Perspektive war alles andere als rosig. Auf ihrem Radiosender BFBS – »British Forces Broadcasting Service« – hörte ich zum ersten Mal Led Zeppelin: »Squeeze me, babe, till the juice runs down my leg…« (The Lemon Song). Das war ein anderer Schnack als die sedative bundesrepublikanische TV-Unterhaltung mit Peter Alexander, Roy Black und »Ein Bett im Kornfeld«. Ich hatte noch keine Ahnung von Sex, aber mir war klar, dass diese Musik unbedingt etwas damit zu tun haben mußte. Das Gitarrenriff von »Whole Lotta Love« war das ikonische Signal, die Tanzfläche zu stürmen. Mit Schlaghose und Rüschenhemd in neongelb, die Luftgitarre im Anschlag beim samstäglichen Balztanz im Partykeller von Pfarrer Müller. Erotisch noch grün hinter den Ohren und blau vom Apfelkorn. Yeah! Dagegen klang »Ring Ring«, das Debütalbum einer schwedischen Tanzkapelle namens »Abba«, so antiseptisch wie eine Packung OP-Handschuhe vor dem Gebrauch.

Dann lernte ich Theo kennen. Theo las Camus, Theo trug Schwarz, und Theo hatte ein Moped. Kreidler Florett, drei Gang. Frisiert machte sie locker 65. Theo war cool. Vor allem aber verfügte Theo über eine partytaugliche Stereoanlage. Es war die Zeit der »British Blues Invasion«: Peter Green´s Fleetwood Mac, The Rolling Stones, The Yardbirds, Ten Years After, John Mayall, Jeff Beck… »Clapton is God« stand auf Häuserwänden in London, und der eine oder andere glaubte das tatsächlich. Sie waren die Hüter des heiligen Gitarrengrals. Alle klangen sie laut am besten, und Jim Marshall baute ihnen dafür die Verstärker: »Rock till you drop.« Theo und ich wurden Bluespeople.

Wir erweiterten unseren musikalischen Horizont und entdeckten (Reihenfolge beliebig) Howling Wolf, Muddy Waters, John Lee Hooker, Ray Charles, Buddy Guy, Etta James, James Brown und viele andere. Sie kamen zu uns durch Fritz Rau. Der Impresario hatte mit dem »American Folk & Blues Festival« ein einzigartiges Tourneekonzept ins Leben gerufen, das die originalen Vorbilder der British Blues Invasion nach Europa brachte. Andächtig hörten wir ihre Musik und tranken dazu Chianti aus Bastflaschen. Ehrfurchtsvoll fieberten wir dem Moment entgegen, in dem sich die Plattenspielernadel zum ersten Mal in die Rille einer frisch bei Radio Weinmann erworbenen LP senkte. Mein erster Longplayer war »Blues Is King« von B.B. King. Die Platte (womit eine Vinyl-LP gemeint ist) habe ich heute noch, meine erste Single war »Papa Was A Rolling Stone« von den Temptations. Theos Stereoanlage war nußbaumfurniert, sie hatte fette Schieberegler, einen Dual-Plattenspieler und eine Abdeckung aus getöntem Rauchglas. Vor allem aber hatte sie seriöse Lautsprecherboxen und konnte wirklich laut! Damit ließen wir die Puppen tanzen. Und nicht nur die im Regal von Theos Mutter. Wir waren jung, wir hörten die richtige Musik und die Mädchen mochten uns. Yeah!